Oftmals ist das Geschlecht des zukünftigen Familienmitglieds das vorherrschende Thema im ersten Kontakt per Mail oder am Telefon. Nicht selten ist diese Problematik bereits emotional aufgeladen und mit festen Vorstellungen verbunden. Rüden seien selbständiger, Hündinnen anhänglicher, Rüden schwieriger, Hündinnen zickig – die Liste der Zuschreibungen ist lang; je nach persönlicher Geschichte. Aus meiner fast 30jährigen Erfahrung im Leben mit Jack Russells allerdings kann ich sagen, dass das Geschlecht eines Hundes eine deutlich geringere Rolle spielt als viele Menschen annehmen.

Was einen Hund im Alltag wirklich prägt, ist in erster Linie seine Persönlichkeit, seine Genetik, seine frühe Prägung und vor allem die Art, wie wir Menschen mit ihm umgehen. Ich habe in all den Jahren sowohl Rüden als auch Hündinnen erlebt, die sensibel, selbstbewusst, jagdlich motiviert, ruhig, aufgedreht, souverän oder unsicher waren. Diese Eigenschaften ließen sich nie verlässlich am Geschlecht festmachen. Vielmehr zeigte sich immer wieder, dass Charakter individuell ist – genauso wie beim Menschen.

Ein häufiges Argument für einen Rüden ist, dass er angeblich einfacher oder geradliniger sei. Gleichzeitig hört man, Rüden würden stärker markieren, weglaufen oder auf andere Rüden aggressiv reagieren. Auf der anderen Seite gelten Hündinnen oft als sozialer oder besser führbar, gleichzeitig aber als launisch oder kompliziert während der Läufigkeit. Betrachtet man diese Aussagen genauer, merkt man schnell, dass sie stark vereinfacht sind. Ja, es gibt hormonelle Unterschiede, und ja, eine Läufigkeit oder ein ausgeprägtes Sexualverhalten kann den Alltag beeinflussen. Aber das sind zeitlich begrenzte oder gut managbare Aspekte und kein verlässlicher Maßstab für das gesamte Zusammenleben.

Gerade bei aktiven, intelligenten Rassen wie dem Jack Russell Terrier wird das besonders deutlich. Diese Hunde sind charakterstark, lernfreudig und selbstständig – unabhängig davon, ob sie Rüde oder Hündin sind. Wer sich für einen Jack Russell entscheidet, sollte sich bewusst sein, dass Konsequenz, Beschäftigung und eine klare Kommunikation entscheidend sind. Das Geschlecht tritt dabei sehr schnell in den Hintergrund. Problematisches Verhalten ist dabei selten eine Frage des Geschlechts, sondern fast immer eine Frage von Erziehung, Management und Beziehung. Ein schlecht geführter Rüde ist nicht problematisch, weil er ein Rüde ist, sondern weil ihm Orientierung fehlt. Eine unsichere oder zickige Hündin ist nicht schwierig, weil sie weiblich ist, sondern weil ihre Bedürfnisse nicht erkannt oder berücksichtigt werden.

In Gesprächen mit Interessenten höre ich häufig sehr klare Aussagen wie „Für uns kommt nur ein Rüde infrage, wir hatten immer Rüden“ oder genauso bestimmt „Wir möchten wieder eine Hündin, das kennen wir so“. Diese Haltung ist verständlich. Menschen greifen gern auf Bekanntes zurück, weil es Sicherheit gibt. Problematisch wird es jedoch dann, wenn aus Gewohnheit eine feste Überzeugung wird und das Geschlecht wichtiger erscheint als der Hund selbst. Erfahrung ist real, aber sie ist individuell und nicht allgemeingültig.

Ich erlebe auch manchmal, dass Menschen versuchen, ihre Lebensumstände über das Geschlecht zu lösen. Man wolle lieber eine Hündin, weil man Kinder hat, oder einen Rüden, weil man sportlich aktiv ist. Das klingt nachvollziehbar, greift aber zu kurz. Viel wichtiger ist die Frage: Passt der individuelle Hund zu meinem Alltag, meinem Energielevel und meiner Erfahrung? Ein ruhiger Rüde kann besser in eine Familie passen als eine sehr fordernde Hündin – und umgekehrt. Viele Schwierigkeiten im Zusammenleben entstehen nicht durch den Hund selbst, sondern durch die Erwartungen, die wir an ihn stellen. Wer mit festen Rollenbildern arbeitet, beeinflusst unbewusst das Verhalten des Hundes. Diese Dynamik wird oft übersehen, spielt aber eine große Rolle im täglichen Miteinander. Zwei Rüden aus unterschiedlichen Linien, mit unterschiedlicher Aufzucht und Führung, haben oft weniger gemeinsam als ein Rüde und eine Hündin mit ähnlichem Hintergrund. Erfahrung ist wertvoll, ersetzt aber keine objektive Einschätzung des einzelnen Hundes.

Natürlich darf jeder Mensch persönliche Vorlieben haben. Daran ist nichts falsch. Problematisch wird es erst dann, wenn diese Vorlieben als allgemeingültige Wahrheiten dargestellt werden. Hunde sind keine Stereotype. Wer sich ausschließlich am Geschlecht orientiert, übersieht oft den viel wichtigeren Blick auf das einzelne Tier.

Mein Fazit ist daher klar: Das Geschlecht eines Hundes ist ein Aspekt, aber kein entscheidender. Wer bereit ist, sich auf seinen Hund einzulassen, ihn zu lesen, fair zu führen und konsequent zu begleiten, kann mit einem Rüden genauso glücklich werden wie mit einer Hündin. Entscheidend ist nicht, was zwischen den Beinen ist, sondern was im Kopf und im Herzen steckt – auf beiden Seiten der Leine.